Digitaler Schulalltag

Außen

Ich war gestern und heute zur Unterrichtsbeobachtung an einer Schule, an der Unterricht mit iPads stattfand, wobei die SuS in der jeweils identischen Stunde selbst wählen konnten, ob sie diese nutzen, oder auf Poster als Präsentationslfäche zurückgreifen wollten. Zu erarbeiten war das Institutionengefüge der EU. Hierzu war ein Schaubild zu erstellen, das den Gesetzgebungsprozess wiedergab. Mir fiel auf, dass

  • viel Arbeitszeit in den SuS-Gruppen für die Anhübschung der grafischen Lösung investiert wurde; teilweise kannten sich nicht alle SuS mit der genutzten App in dem Maß aus, dass sie sich selbst helfen konnten, die Nebensitzer gaben notwendige Tipps zum Programmgebrauch.
  • der Austausch in den SuS-Gruppen, die als Produkt das Poster wählten, stärker auf sach-fachliche Korrektheit fokusierte und die Ergebnisse insgesamt vollständiger und komplexer waren. Der Austausch in den iPad Gruppen war technischerer Natur.
  • Kriterien für gute Schaubilder keine Rolle spielten und nur bei den Postern einmal kurz aufblitzten (Leserlichkeit).
  • auch Apple-TV technische Probleme aufwirft, so dass Präsentationen via Beamer nicht sofort beginnen können.
  • die SuS in den iPad-Gruppen viel häufiger komplett alleine arbeiteten, sobald ihre technischen Probleme gelöst waren oder sie keine hatten.
  • bei der Auswertung Inhaltsfehler bei den iPad-Lösungen nicht thematisiert wurden – aber bei den Postern durchaus.
  • die Korrektur an den Postern direkt erfolgte und bei den iPad-Lösungen unterblieb bzw. auf „nachher“ verschoben wurde.

Vor dem Hintergrund dessen, was ich sah, kann ich als Positiv für die iPad Gruppen festhalten: gute Leserlichkeit auch inhaltlich schlechter grafischer Lösungen; keine Notwendigkeit für Programmschulung durch die Lehrkraft aber dafür gegenseitige Unterstützung der SuS bei technischen Problemen. Auch der Wechsel der HDMI Quelle am Beamer konnte an die SuS delegiert werden (bzw. musste an diese delegiert werden, weil den L evtl. das Know-How fehlte).

Andererseits förderte die computergraphische Darstellung das Übersehen von Fehlern und betonte die sachfach-fremde kriterienfreie Würdigung von Oberflächlichkeit („schöne Darstellung“). In keinem Fall wurde hier durch den Einsatz von iPads eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Arbeitsauftrag erreicht, was sich auch in der Bewertungs-/Beurteilungsphase (Demokratiedefizit?) zeigte.

Die Zahl der vertanen Chancen war Legion: Die L konnte nicht angeben, ob MDM zum Einsatz kommt und mit welchem Anbieter welcher Apps Verträge zur DViA vorliegen oder nicht vorliegen. Das Thema Datenschutz war keines, Risiken waren weder bekannt noch schienen diese je in dieser Institution thematisiert worden zu sein. Dafür wurde die Möglichkeit zur Noteneingabe am eigenen iPad positiv hervorgehoben, das nicht mit Passwort oder Pin gesichert war und ein paar mal über längere Zeit direkt vor den S in der ersten Reihe unbeaufsichtigt auf dem Pult lag. Eine Cloudlösung für den Austausch von Arbeitsergebnissen der S (oder ein Moodle) hat die Schule nicht (vielleicht sollte man darüber eher froh sein – ein Datenleck weniger). Die Posterlösungen wurden nicht fotografisch für alle S dokumentiert, obwohl sich diese am Ende als die korrigierten und insgesamt ja richtigeren Versionen herausstellten.

Summa: Viel Luft nach oben beim Schulalltag mit iPads.

Innen

Und dann gab es da (an einer anderen mir vertrauten Institution) eine Arbeitsgruppe Soziale Medien, die sich als Arbeitsgruppe Smartphones entpuppte.

Die Arbeitsgruppe positionierte sich recht eindeutig so, dass in Klasse 5 und 6 kein Einsatz von Smartphones im Unterricht erfolgen solle, keine Smartphones auf Ausflüge mitgenommen werden und auch in den Pausen etc. auf dem Schulgelände verboten sein sollten.

Die Begründungen verliefen im Einzelnen entlang der Linie mediale Dauerberieselung bzw Sucht sowie Soziale Hetzwerke bzw. Gefahren durch Cyber Grooming. Datenschutzaspekte spielten eine ebenso untergeordnete Rolle wie jegliche selbstkritische Reflektion eigenen Verhaltens oder eine Einordnung der Taschenwanzen in den gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Überwachung, Grundrechteabbau und hin zu autoritären Systemen.

Ich kann es ein Stück weit verstehen. Es ist eine auf den ersten Blick pragmatische Lösung für zumindest einen Teil der vielen Probleme mit Smartphones, diese in den untersten Stufen schlicht aus der Schule zu verbannen. Cyber-Mobbing bleibt so weitergehend im privaten Umfeld und die Pausen werden eher für Bewegung und Kommunikation genutzt als heute.

Nur fürchte ich, wird dies gerade in der Prägungsphase im Umgang mit dem Faustkeil nicht dazu führen, dass anschließend der Gebrauch dieser Werkzeuge reflektierter erfolgt. Vielmehr bleibt die notwendige Erziehungsarbeit bei den Eltern hängen – und da bleibt sie meiner Wahrnehmung nach liegen. Die bei den L schon fehlende selbstkritische Reflektion eigener Nutzungsgewohnheiten kommt hier verstärkt zum technischen Unverstand hinzu.

Zumindest über die technische Seite könnten im Rahmen der Schule stärker – nach intensiver Fortbildung – aufgeklärt werden. Z.B. könnte die Institution Schule Smartphones in naturwissenschaftlichen Fächern wie auch in Projekten oder in Blockunterrichts-Einheiten analysieren (im Sinne von zerlegen, Aufbau kennen lernen, in ihrem Verhalten bezüglich Datenweitergabe beobachten etc.) und die gewonnenen Erkenntnisse dann aktiv nutzen – sprich: einfache Smartphones selbst bauen, ein freies Android selbst kompilieren und flashen, das installierte Betriebssystem gegenüber Datenabflüssen so weit es geht mit einer Firewall absichern etc..

Die durch die Analyse gewonnenen Einsichten könnten zu Qualitätskriterien für Apps werden und die dann ausgewählten Apps könnten aus F-Droid oder direkt aus dem Git installiert und mit der schulischen Cloud (Kalender, Adressbuch, Dateiaustausch, Lernplattform, Messenger etc.) verdongelt werden.

Die SuS hätten am Ende des Prozesses die Erfahrung gemacht, dass Bildung dazu beiträgt, ein selbstbestimmteres Leben zu führen.

Aber Verbote gehen natürlich auch.