Mehr Totholz als Moodle

DSS hat mit viel Nachfragen und Handarbeit relativ belastbare Zahlen zur Nutzung von Unterrichtsplattformen (wenn denn der Begriff in jedem Fall überhaupt zutreffend ist) im Distanzunterricht zusammen getragen. Das Balkendiagramm oben zeigt eine Übersicht über die 10 Topplatzierten.

Da mir die Erfassungsmethoden hinter diesen Zahlen nicht ganz klar sind – da hoffe ich auf entsprechende Ausführungen auf den DSS-Seiten – nehme ich diese jetzt erst einmal hin, wie sie sind. Und rate vorläufig dazu, da nicht gar zu radikale Schlüsse zu ziehen.

Kurz: Dank der häufigen Nutzung von Papier ist das Datenschutzgrab während Corona nicht gar so tief geraten, wie von mir zuerst vermutet. Der Dank geht hier vor allem an die Grundschulen und deren Begeisterung für Totholz. Es folgen mit Moodle und Jitsi zwei weitere saubere Lösungen für den Distanzunterricht.

Und dann geht es erst einmal heftig abwärts.

Zu MS365 gepaart mit Teams ist schon alles gesagt. Mehrfach und auch von mir.

Bei Padlet stehen die Server in den USA und binden darüber hinaus Cloudflare als CDN mit ein. Die Daten fließen also wohl doppelt ab. Dazu kommen ranzige Privatsphäreneinstellungen: Die Webseite, von der aus Padlet besucht wird, wird teilweise mit übermittelt. Google darf mit an den Daten nuckeln und die gesetzten Cookies leben bis 2071! Weil das noch nicht reicht, darf auch Alexametrics was abhaben. Die App dazu liefert noch einmal 5 Tracker nach.

Was sich dann unter „Diverse“ verbirgt, mag mensch vermutlich gar nicht so genau wissen. Auch Google Docs und Meet wären hier denkbar – und ich weiß von einer Schule ein paar Ortschaften weiter, die das eine Zeit lang einsetzte, bis der Irrsinn von einem Elternteil mit einer Klageandrohung beendet wurde.

Den kommerziellen Anbieter schul.cloud kann ich nicht wirklich einschätzen, da ich mich nicht dort einloggen kann (und auch keinen Testzugang wollte). Dessen Homepage jedoch ist das heute leider übliche Gedöhns aus eingebundenen US-Diensten, die für den Betrieb selbst nicht nötig wären, da Fonts z.B. lokal gehostet und eine Opt-in-Lösung den Nutzenden von Youtube abschirmen könnte. So zeigt sich hier das Verhältnis des Anbieters zum Thema Datenschutz: es ist den Betreibern entweder völlig schnurz – oder sie leiden unter massiver technischer Inkompetenz.

Positives gibt aus auch: Einer hat sich in den letzten Monaten gebessert: Sdui! Sduis Landingpage ist zwar weiterhin eine Datenschleuder (WordPress bekommt hier viele Datenleckerli), dafür scheinen sie jedoch endlich Cloudflare rausgeworfen zu haben. Die App nutzt aber noch immer Firebase. Als Konsequenz ist da noch viel Luft zwischen dem Marketingsprech bezüglich Datenschutz und der Realität.

Und dann wird es unübersichtlich … ein klein wenig FOSS, ein klein wenig Dienstleister, einige Messenger; einige davon sauber – andere nicht. Das Chaos eben, das nach mehr als 20 Jahren Verzicht auf ordentliche Arbeit rund um das Thema Digitalisierung entstanden ist. Manches geht – anderes gar nicht. Karl Napp uff der Gass ist es offensichtlich ebenso egal, wie den politisch Verantwortlichen.

Addiert man die offensichtlich gegen die Datenschutzbestimmungen verstoßenden Dienste auf, dann landet man bei annähernd so hohen Zahlen wie für Moodle. Im Ergebnis führte die „Digitalisierung des Unterrichts“ während Corona also zu einer massiven Zunahme von Datenabflüssen an US-Unternehmen, die damit ihre schon bestehende Vormachtstellung in doppelter Weise zementieren können: Einerseits, weil diese nun auf eine nicht unerhebliche Userbase Zugriff haben, die die Dienste nun gewöhnt sind und damit leidlich Erfahrung im Umgang sammeln konnten. Andererseits aber auch, weil diese Dienstleister selbst konkrete Nutzungsdaten vorliegen haben und ihr Angebot entsprechend „zielgruppenkonform“ überarbeiten können.