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Blogs aus dem Unterricht heraus oder zum Thema Unterricht

Is it dead, Jim?

Wenn ich das Rauschen im Mailwald gerade richtig interpretiere, hat der LfDI in Baden-Württemberg MSO365 einen kräftigen Schubs in Richtung Klippe gegeben.

Das wäre längst überfällig und absolut notwendig, wenn Grundrechtsbindung mehr sein soll als nur hohles, leeres Wort.

Leider sind zum aktuellen Zeitpunkt keine Details veröffentlicht – aber die sollten dann ja zeitnah kommen.

Update 11.07.2020

Ich hab mich wohl zu früh gefreut. Meiner Wahrnehmung nach, ist Datenschutz nur eine Frage des „wordings“. Wirft mensch mit genug juridischer Phrasologie nach konkreter Technik, dann geht plötzlich doch alles.

Der Bildungssektor entwickelt für sich seine eigene Weltraumtheorie.

Insights

Moodle 3.8 lieferte hier ein KI Modell mit aus, das im Rahmen des Updates via CLI dafür sorgte, dass alle Kursleiter unfreiwillig erfahren durften, dass ihre SuS schon länger nicht mehr im Kursraum waren. So etwas will man als Lehrkraft ja gar nicht wissen 😉

Weil die Datenschutzerklärung des KvFG ausdrücklich auf Profiling eingeht, musste ich den richtigen Schalter finden – und denke inzwischen, dass ich den auch gefunden habe.

Deaktiviert man die Modelle via Aktionen nur auf deren Überblicksseite im Bereich Analytics-Modelle, dann scheint Moodle im Zuge von Updates diese Einstellung zu vergessen, sofern diese über CLI vorgenommen werden … und wirft mit Mails nach den Kursraumleitungen. Die sind dann irritiert. Will man ja nicht.

Also knipst man das Analytics Modul komplett weg. Das findet man als Admin im Backend unter Zusatzoptionen

… und dort ziemlich weit unten auf der Seite. Eine Suche im Backend nach enableanalytics hilft natürlich auch.

Häkchen raus – und dann ist hoffentlich mehr Ruhe im Karton.

Ob das den Fall nun endgültig erledigt erfahre ich spätestens im Zuge des nächsten Moodle-Updates. Bis dahin muss ich mit den Anfragen der LuL zu der Mailflut leben, die denken, ich persönlich hätte sie angemailt. Aber das ist ein übliches Missverständnis im Kontext allgemeiner Medienkompetenz.

Volle Spackung?

Die Landeszentrale für politische Bildung hat eine Publikation zum Thema Medien online. Zwar schmückt man das Titelblatt noch mit einem Fragezeichen (eine Idee, die ich hier gleich aufgreife) aber im Heft findet sich eine lange Empfehlungsstrecke für Dienste von Dritten – darunter Padlet, um das es (weil es das bekannteste Tool sein dürfte) hier ausführlicher gehen soll.

Eine Analyse mit Webkoll zeigt die Problemstellen des Dienstes auf:

  • Der Dienstleister hat seinen Sitz in den USA
  • Padlet setzt 10 eigene Cookies – darunter zwei, die erst im Jahr 2069 verfallen und einer, der im Jahr 2042 verfällt
  • Padlet setzt 4 Cookies von Drittparteien, von denen 3 einen Monat gültig sind
  • 54 Anfragen gehen schon beim Aufruf der Seite an Drittdienste – darunter Amazon, Apple (iTunes), Cloudflare, Cloudfront, Google (auch Google Analytics und Doubleclick), Twitter und Quantserv, die so zumindest Kenntnis von der IP des Aufrufenden erhalten

Dass Google Analytics mit IP Anonymisierung eingesetzt wird spielt schon keine Rolle mehr, weil die vielen Drittdienste zur Datenquelle für Padlet werden dürfen:

We may also obtain information, including personal information, from third-party sources to update or supplement the information you provided or we collected automatically. This may include aggregated anonymous information or certain personal information that may be provided to us. [1]

Dazu kommt: Weitere Dienste – z.B. von Youtube, Vimeo und Freunden – werden bei der Arbeit mit Padlet in den meisten Fällen genutzt, weil in der Einbindung von Drittdiensten gerade der Witz von Padlet liegt. Es ist eine Art von Collagedienstleister. Die Zahl der Tracker und Datenkraken explodiert.

Vor diesem Hintergrund kann man mit Fug und Recht behaupten: Keine Lehrkraft – und erst Recht kein Schüler – hat da noch den Überblick über die Datenflüsse oder könnte gar seine Rechte aus der DSGVO durchsetzen.

Dass es auch keinen Dritten gibt, der die Angaben von Padlet und der vielen Dritten prüft und zertifiziert – das wäre eine der Voraussetzungen dafür (ISO 27001 und ISO 27018), dass eine Schule einen Vertrag zur DViA mit Padlet abschließen kann – rundet das Bild ab.

Vor diesem Hintergrund ist es mir ein Rätsel, wie eine staatliche Schule die Vorgaben des KM zum Datenschutz an Schulen erfüllen will, sollte sie Padlet nutzen.

Dass diese Probleme in den hier betrachteten Beiträgen der Seiten 8 bis 18 im Heft der Landeszentrale nicht einmal am Rande thematisiert werden macht deutlich: Es geht dem Autor nicht um die Schüler/innen und deren Grundrechte. Es geht um Digitalisierung first. Das Recht auf Informationelle Selbstbestimmung wird der Oberflächlichkeit geopfert. Hauptsache man ist mit dabei und cool. Gibt es da eigentliche eine Redaktion, die die Inhalte vor der Veröffentlichung inhaltlich prüft – oder korrigieren die nur die Kommasetzung?

Politische Bildung sieht für mich anders aus.

PS

Ein Einzelfall? Mitnichten! Empfohlen wird auch

Popplet

  • Sitz des Dienstleisters: USA
  • 1 Cookie von Dritten
  • 56 Anfragen an Dritte

Kahoot

  • Sitz des Dienstleister: USA
  • 12 Cookies, davon 5 von Dritten
  • 42 Anfragen an Dritte

Scribblemaps

  • Sitz des Dienstleisters: USA
  • 7 Cookies
  • 7 Anfragen an Dritte

Thinglink

  • Sitz des Dienstleisters: Irland
  • 20 Cookies, davon 6 von Dritten
  • 120 Anfragen an Dritte

Easelly

  • Sitz des Dienstleisters: USA
  • 13 Cookies, davon 5 von Dritten
  • 108 Anfragen an Dritte

usw usw. Ein Datenschutzmassaker.

Update 05.12.19

Zwei Runden Mails später wird nun eine Art von Disclaimer geplant, der die Kolleg/innen auf die rechtliche Situation und ihre Pflichten hinweisen soll. Die Zahl der Menschen auf CC hat sich ebenfalls erhöht – wir klettern gemeinsam die Behördenleiter nach oben. Schön. Dann sind wenigstens alle informiert und keiner kann sagen, er habe nichts gewusst.

Einsicht in eigene Fehler ist jedoch aus meiner Sicht noch nicht vorhanden. Da wird z.B. weiter vom einem Prüfverfahren durch Lehrer/innen geschrieben – als wären die in der Lage die technische Analyse zu leisten. Sieht man ja, dass sie das nicht waren.

Wo die Einsicht fehlt, ist auch eine Verfahrensänderung noch fern. Noch schreibe nur ich selbst davon, dass Publikationen zu Drittdiensten von technisch und rechtlich geschulten Fachkräften gesichtet werden müssten, dass der Fehler im Prüfverfahren selbst liegt, wenn die Ergebnisse so aussehen wie hier.

Mal sehen. Wenn alles gut läuft, dann kommt doch mehr dabei heraus als ein Hinweisschild auf der Webseite von P&U mit den Inhalt „Der Schutz Ihrer Daten ist uns wichtig!“

Hier kommt die Sonne …

1 – 2 – 3 … 9 – aus! [1] Will man im Neubau einen Film schauen, dann braucht man nicht nur einen windstillen Tag (damit die Jalousien unten bleiben), sondern möglichst auch noch einen trüben. Oder man hilft sich gegen die Sonne mit Postern und Tesa.

Was wir bräuchten wären Architekten, die schon in der Bauphase nicht nur hübsch denken (Jalousien sind schön! Helle Rollos sind schön!) und über das Zuhören reden, sondern das, was man ihnen sagt, dann auch umsetzen: Innenverdunkelung!

Message

Die Verbreitung von WhatsApp (WA) an Schulen liegt bei geschätzt 95%. Fast alle Kinder haben es auf ihren Smartphones – und wenn nicht, dann liegen sie ihren Eltern im Ohr, bis es dann doch da drauf ist. Die Kollegen haben es meist auch. Also nutzen sie es – trotz kultusministerialem Veto – für unterrichtliche Belange. Die 5% einer Klasse, die kein WA haben, gucken blöd in die Röhre. Beschweren tun sie sich aber nicht. Die Eltern auch nicht. Warum auch immer.

Ich überlege mir nun seit einiger Zeit, ob ich nicht einen XMPP oder evtl. auch einen Matrix Server für die Schule hochziehen sollte, zögere aber da, weil ich den Betreuungsaufwand bei einem oft zickigen Publikum nicht abschätzen kann und weil ich auch befürchte, dass wir in einem Mobbingfall dann ziemlich dumm ausschauen könnten: Wir hätten zwar die Plattform gestellt, kämen aber nicht an die Beweise ran, weil die verschlüsselt sind. An der Fürsorgepflicht ändern tut sich nix, nur an der Möglichkeit, dieser nachzukommen. Blöd.

Andere Lösungen habe ich mir ebenfalls angesehen: Zulip sah ganz nett aus, würde auch das Verschlüsselungsproblem mangels Fähigkeiten erledigen – hat aber einen zu wenig schicken und zu wenig potenten Client für Smartphones und würde schon deswegen durchfallen. Mattermost wäre auch eine Möglichkeit, ich will aber nicht meine User händisch pflegen, sondern LDAPs nutzen können, ohne gleich die dann geforderten Mengen Geld auf den Tisch zu werfen. Und Rocketchat … sieht mir einfach zu selbstgestrickt aus; ich erkenne da keine Linie im Softwarestack.

Die Softwareseite ist schon bei Matrix schwer zu blicken für normale User. Dafür scheint das, was bei einer Installation an Bord rollt, aber gut zu überschauen. XMPP mit Prosody wäre die sauberste Lösung – von der Software her, nicht vom Handling derselben.

Im Kreis drehen für Fortgeschrittene.

Vermutlich zerbreche ich mir umsonst den Kopf. Ein solches System nutzen dann so wenige, dass ich allein zeitlich mehr in Updates und Systempflege stecke, als alle SuS und LuL zusammen in die Nutzung. Ich seh das ja schon bei Etherpad, Moodle, nextCloud mit Collabora etc. pp. bei uns im Netz. Manche Kollegen verweisen ernsthaft darauf, dass Ella nicht gekommen sei. Dabei haben die alles aus Ella schon in der Schule. Seit Jahren.

Digitalisierung an Schulen mit Datenschutz zusammen zu bekommen und dabei die Zielgruppe mitzunehmen ist ein echt dickes Brett.

Fremdschämen

Muss mich gerade aufregen über diesen Artikel bei N4T Ich weiß nicht, wie der hier geschilderte Unterricht wirklich ablief, aber die Schilderung macht mich kirre.

Mit ihren Tablets können sich die Jugendlichen interaktiv am Unterricht beteiligen.

Äh – ja? Alle sitzen in einem Raum. Was gibt es da bitte für Interaktivitätsbeschränkungen? Ich kann das mit meinen SuS sogar in 3D! Ne – warte. 4D ginge auch, weil sich die Schüler/innen sogar noch gegenseitig anfassen könnten. Oder 5D, weil sie nach Sport gegenseitig zu riechen sind? Zumindest kommt durch die Konzentration auf den Mensch, so wie er sich gibt, unvermittelt durch einen Bildschirm, nicht objektiviert, durchaus mehr „rüber“.

ruft Bilder und kleine Texte auf, die zeitgleich auf den Geräten der Schüler erscheinen

Alle SuS sehen zur gleichen Zeit das gleiche Bild und den gleichen Text – aber jeder an seinem eigenen Gerät? Gibt es einen Grund für den Einsatz individueller Bildschirme hier? Beinhaltet die Schilderung einen nachvollziehbaren Grund, warum man hier z.B. auf unterschiedliche Geschwindigkeiten bei den Lernern setzen müsste? Nein. Das geschilderte setting ist die Intro für

lässt … plötzlich Bilder von Babys auf den Tablets erscheinen

„Erscheinen“. Cool. Fortgeschrittene Technik ist eben von Magie nicht zu unterscheiden. Im Ernst: Das ginge auch noch auf einem OHP. Folie 1: Pizza, Gurke, Salat. Folie 2: Babys. Oder man spart sich diesen Einstieg, dessen Funktion nur die Erinnerung daran ist, dass es um Menschen als Ware geht und steigt direkt mit dem eigentlichen Thema ein: Designer Babys. Ein Artikel zum aktuellen Fall – ist das nicht kognitive Aktivierung genug? Nun ja. Dann täte es eine Karikatur zum Thema auch. Die hätte dann noch methodisch einen Anspruch, der über „ich will Pizza“ hinausgeht. Aber „es wird ein bisschen diskutiert“ zu Pizza oder Salat. Ist ja auch toll. Und relevant.

Die SuS können dann über „ihr Baby“ abstimmen.

Die anonyme Auswertung erfolgt sekundenschnell.

Schade. Die Bezugnahme auf die Wünsche der anderen SuS ist so unmöglich. Gibt es auch einen Knopf für „ich verweigere die Antwort, weil ich das ganze setting schon moralisch abstoßend finde“? Wenn nicht, dann sag ich das eher in einem Unterricht, der gleich von Anfang an ohne push the button, click the like auskommt, als hier, den Blick auf ein eigenes Tablet gerichtet, von den anderen im Zimmer somit teilweise isoliert.

Schon ist der Lehrer beim Thema Genmanipulation und «Designer-Babys». Eine ernste Diskussion setzt ein.

Echt? Der Lehrer ist da? Und die SuS? Die sind bis hier her: Informationsfrei. Gleich nach Pizza und blaue Augen. Bin begeistert. So muss die Zukunft aussehen. Wir diskutieren aus dem Bauch raus, weil an Emotionen fehlt es heute.

Präkonzepte der SuS erfassen geht so. Diskussion geht anders.

Weiter geht’s:

Im Unterricht aber auch von zu Hause können die Schüler auf Lernmaterialien zugreifen, eine Software zum Zusammenarbeiten und einen Messenger nutzen oder gemeinsam Office-Dokumente bearbeiten.

Das ist ja super, dass die SuS das können. Die bearbeiten auf dem Tablet und ohne Tastatur Text, Tabellen und Präsentationen? Die werden eher kurz bleiben, die Begründungen in der Argumentation dazu auch.

Überhaupt: Baden-Württemberg ist seiner Zeit ja um 10 Jahre voraus! Seitdem können unsere SuS, wenn die Schule ein paar mal hintereinander bei BelWü auf die richtigen Knöpfe klicken kann und die Lehrer/innen die entsprechenden Fortbildungen besuchten, das nämlich auch: Lernmaterialien abrufen, von zu Hause arbeiten, kommunizieren, gemeinsam arbeiten. Nennt sich ganz unerotisch Moodle. Gut – da geht die Arbeit dann nicht an Office-Dokumenten, sondern z.B. gemeinsam an Wikis; und die Kommunikation müsste in Moodle-Chats abgebildet werden, wenn die Foren nicht reichen, aber im Prinzip wäre alles da. Am KvFG ginge sogar die gemeinsame Arbeit an allen denkbaren Office-Dokumenten Dank Collabora Office und nextCloud mit integrierter Chatfunktion. Aber ich komme vom Thema ab.

Im Artikel geht es im heute üblichen Duktus weiter. Sogar das hier fällt noch

Lehrkräfte … sich künftig häufiger als Moderator, Anreger und Berater verstehen.

Empirie aus der Unterrichtsforschung ist hier also ebenso Wurst wie der aus den Zeilen triefende unkritische Kommerz sein Brot. Um es kurz zu machen: Ich habe selten eine solche Ansammlung von Maßnahmen auf Sichtstruktur lesen dürfen, die eben eines nicht leistet: den Mehrwert digitaler Medien zu zeigen. Was also ist der Sinn des Artikels?

Ich fürchte: Namedropping!

Die üblichen Verdächtigen mit ihren heute hippen Lösungen sollen genannt werden. Eine andere Funktion als Werbung kann ich mir schwer vorstellen, denn auch die anderen im Artikel genannten Beispiele zur konkreten Unterrichtspraxis sind die, die ich seit 1999 hörte, lange Zeit auf Fortbildungen zeigte, mit den Lehrkräften dort erarbeitete und noch heute direkt im eigenen Unterricht nutze. Nur der technische Wandel schlägt sich nieder: Monsterdisplays mit Tabletfunktionalität ersetzen inzwischen die Beamer (positiv, weil meist einfacher zu bedienen); Tablets ersetzen Laptops (negativ, weil die Tastatur fehlt und das komplette jeweilige Werbeökosystem inklusive Datenabfluss mitgekauft wird).  So wundert mich auch nicht, dass direkt neben dem Artikel der Shop verlinkt ist. Und Facebook und Google werden über entsprechende JavaScript-Einbindungen mitversorgt.

So, wie der konkrete Unterricht im Artikel geschildert wird, geht es wohl kaum voran, sondern nur schneller im ewig gleichen Kreis herum.

Moodle App

Lange Zeit war die Moodle App IMHO nicht wirklich zu gebrauchen und auch heute wundere ich mich bei deren Start über die Zeit, die sie braucht. Aber immerhin: jetzt läuft sie wesentlich runder und ich setze sie an allen Ecken und Enden im Schulnetz ein.

Inzwischen: Empfehlung! Hier gibt es sie auch als APK.

Die App macht den Alltag leichter – vor allem auch dann, wenn man im Unterricht z.B. eine Schülerarbeit fotografiert und dann im Moodle für alle ablegen will. Das geht so echt flotter. Noch schneller ist nur nextCloud, dafür dann aber nicht so sortiert und bei Weitem nicht so didaktisch integrierbar.

Alle Bilder von meinem Nexus4. Das ist halt noch ein Handy und kein Phablet. Deswegen sind die BIldchen eher klein. Ein im übrigen schönes Gerät; klein und handlich, ausreichend schnell und Dank LineageOS und FDroid aktuell. Nur die Kamera am Neuxs4 taugt nicht viel. Die braucht viel Licht, um erträgliche Bildchen zu machen.

Sommerschule

Die gesamte letzte Woche war „Sommerschule“ auf dem Höhnisch. In Mathe. Von 8 bis 12. Ich bin da noch gespalten, was diese Idee angeht.

Einerseits ist eine Bleiche, bevor es „richtig los geht“, gerade in Mathe, nicht schädlich und hilft denen, die in diesem Fach beim Übergang in die Oberstufe sonst Probleme hätten. Auch brauchen ältere Kinder weniger Ferien als jüngere.

Andererseits öffnet dies eine Tür in Richtung Nachhilfe durch Lehrkräfte, die von einigen SuS fest in ihre Arbeitshaltung während des Jahres eingepreist werden wird. Dazu kommt, dass die SuS es hier ja wieder mit der ihnen vertrauten Schulsituation zu tun haben. Die gleichen Pauker, die gleichen Räume. Das könnte ein Stück der Motivation wegnehmen bzw. erleichtert den Rückfall in die im Unterricht schon gezeigte Haltung.

Mal sehen, was die Kolleg/innen berichten.

Bombe 2018

Es war wieder so weit: LPP und Projekt Bombe. Dieses Jahr haben wir 139 Probanden erfassen können, davon 66 Männer, 63 Frauen und 10 ohne Angaben in diesem binären System. Die Grunddaten zum Projekt 2017 mögen die Interessierten dort abrufen. Hier nur ein schneller Blick in den Datensalat.

Ein Vergleich der Mittelwerte 2017-2018 zeigt, dass die Unterstützung für die, die wir intern Trumpisten nannten, zurückgegangen ist. Dafür ist jedoch die Unterstützung für eine deutsche Atomwaffe kräftig gestiegen, das Angstniveau weniger deutlich.
Die inzwischen übliche explorative Faktorenanalse (vulgo: Blick in die Kristallkugel des Data-Mining) ergab dieses Jahr das folgende Bild:

  1. Der erste Faktor sind die „Trumpisten“
  2. Der zweite Faktor sind die „Senioren“
  3. Der dritte Faktor sind die „Zocker“
  4. Der vierte Faktor fällt aus, weil die Items nicht hoch genug laden
  5. Der fünfte Faktor sind die „Schisser“

Das klingt alles wesentlich runder als im letzten Jahr, ist empirisch aber trotzdem nicht sinniger. Egal: Der Spaß bei der Benennung korreliert mit der Möglichkeit auf Alltagsintuition zurück greifen zu können.
Ich weiß nun auch nicht, ob ich beruhigt sein soll, weil weniger Menschen „Germany first“-Anhänger waren, oder beunruhigt, weil mehr Menschen eine Atomwaffe für Deutschland wollen. Gut also, dass es sich um ein Junk-Sample handelt, bei dem sich jeder Rückbezug zur gesellschaftlichen Realität verbietet.

BBB

Big Blue Button (BBB) ist eine Webkonferenz Lösung, die sich für den Edu-Markt selbst empfiehlt, auch weil sie eine Moodle Integration mitbringt. Da ich selbst Apache Open Meeting regelmäßiger verwende, wollte ich mir BBB einmal genauer ansehen. Außerdem: BBB soll – so klingt aus aus dem grapevine –  Teil der DBP werden, was mich fast so weit brachte, das selbst zu installieren. Eine VM hätte ich noch frei gehabt und die Installation ist kein Hexenwerk. Dankenswerter Weise hatte Andreas ein paar Stunden früher als ich die genau gleiche Motivation und dessen Installation nutzten wir vorgestern für einen Testlauf.
Erster Eindruck: Flash! Ich kann das einerseits verstehen, dass man auf Flash setzt, weil es Mikrofon und Webcam brav durchreicht. Aber Flash ist tot. Flash läuft nicht überall (z.B. auf Apple nicht). Flash ist nicht nur gefühlt eine Sammlung an Sicherheitslücken. Flash ist old school. „Brückentechnologie“. Bis die richtige Lösung kommt (HTML5 und WebRTC) könnte man jedoch damit leben.
Ebenfalls Teil des ersten Eindrucks: Java! Um den eigenen Bildschirm teilen zu können, muss ein nicht signiertes Java Applet zuerst herunter geladen und dann lokal gestartet werden. Das lässt nicht jeder Rechner einfach so zu, läuft dafür aber auch mit openJDK und damit ohne Oracle.
Zweiter Eindruck: Fummelig, kontraintuitiv, 19. Jh. Ich kann eine PDF hochladen und die kann man gemeinsam ansehen. Ich kann auch darin rummalen. Aber ich kann das Gemalte nicht speichern. Ich kann nicht richtig bearbeiten, was ich gerade gezeichnet habe. Eigentlich kann ich nur eine Präsentation ablaufen lassen und dabei reden. Das ist ein wenig wie lächeln und winken. Meine Zuhörer sehen mich und können, wenn ich das zulasse, Rückfragen stellen. Ich kann auf die Schnelle kleine Tests / Rückfragen einbauen, die diese mit einem Klick abnicken. Speichern kann ich die Ergebnisse nicht und auch nicht zuordnen. Frontalunterricht mit schicki klicki Optionen. Dabei muss ich die Augen permanent überall haben: Links oben gucken, ob sich jemand meldet oder seine „Laune“ ändert, rechts gucken, ob einer chattet oder dort eine Frage stellt, in der Mitte auf meine Präsentation gucken, zeichnen, texten und präsentieren und bei alledem in der Webcam nicht komplett doof aussehen (besonders schwer). Das geht mit drei bis vier disziplinierten Leuten noch glatt … und endet mit vielen SuS sicherlich im Chaos.
Dritter Eindruck: Dumbo Explorer. Es scheint keine ACLs für den Upload-Ordner zu geben und vor allem keine Möglichkeit, Unterordner anzulegen. Die PDF, die ich hochlade, gehört danach jedem. Das wird an einer Schule (also in der DBP) innerhalb kurzer Zeit zu komplett unübersichtlichen Chaosverzeichnissen führen. Im dümmsten Fall führt es zu urheber- und datenschutzrechtlichen Problemen.
Gesamteindruck: Insgesamt „nett“, wenn auch in vielen alltagskritischen Details weniger durchdacht als Apache Open Meeting.

  • Evtl. ist BBB für Kleinstgruppen mit klarer Hierarchie in einer nachhilfe-ähnlichen Situation zu gebrauchen, bei der man gemeinsam aber angeleitet in einen PDF-Scan des Schulbuches blickt?
  • Oder BBB ist geeignet für ein Screensharing-Setting, bei dem einer am gemeinsamen Dokument in der nextCloud arbeitet und die anderen helfen bei den Formulierungen etc.
  • Oder BBB ist geeignet für eine kleine, sehr disziplinierte Arbeitsgruppe, die ihre Arbeit mit Screenshots sichert (wer will das?) und hinterher ihre Dokumente aufräumt (digitales Tafelwischen).
  • Oder BBB ist geeignet für Nerds, die z.B. noch kurz ein Wiki im parallel laufenden Moodle dazu werfen, weil der Chat in BBB nicht ausreicht, die sich im nextCloud mit Collabora – am besten auf einem zweiten Bildschirm – ein Dokument gemeinsam vornehmen können.
  • Oder BBB ist eine PR-Lösung: Ein Spielzeug für ein paar Menschen, die gerne Arbeitszeit und Geld öffentlich verbrennen, weil es in der Elternschaft bei einer Demo cool ankommt. Dann wäre es ein Tool für die, die nicht fit genug sind, die Vielzahl an höher spezialisierten, dafür weitaus mächtigeren Werkzeugen zu bedienen.

Wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, dann finde ich für BBB als Webkonferenzsystem keinen großen schulischen Markt, sondern nur kleine und sehr spezielle:  Wer fit genug ist, die vielen für Online-Kollaboration nötigen Werkzeuge zu kontrollieren, kommt mit einem reinen WebRTC Server, Etherpad, nextCloud, Collabora und Moodle viel besser klar und hat auch viel mehr Möglichkeiten. Und die, die eine höher integrierte einfache Lösung benötigen würden, sind technisch oft nicht fit genug, um mit BBB produktiv umzugehen.
Aber es wird kommen. Also setzt man bestimmt bald eine PG ein, die nach Einsatzszenarien fahndet, in denen man mit den vielen Glitches leben kann. Lasst mich raten: Vor dem Hintergrund meiner bisherigen Funde und der aktuellen bildungspolitischen Vokabelwolke müssen für BBB die folgenden Begriffe fallen: Differenzierung, Individualisierung, individualisierte Betreuung, S-L-Gruppen. Evtl noch Berufsorientierung, Studierfähigkeit, Nachhilfe, Leistungsgruppe, Arbeitsgruppe. Neu aufleben wird ein ganz alter Begriff: Instruktion.