Longpaper

Ich kam mir vor, wie in meine Schulzeit zurückversetzt. Da sitzt ein Drogenfahnder der Polizei im Raum und spricht …

Die Schilderungen haben viel mit den konkreten Erfahrungen bei der polizeilichen Arbeit zu tun, sind stark geprägt vom Schlimmsten, was Polizisten erleben müssen. Die Schilderungen beziehen sich auf verwahrloste Zimmer der Jugendlichen, Eltern mit Scheißegalhaltung, Beschaffungskriminalität, ausflippende Jugendliche und Gewalt.

Es werden Zahlen genannt. Von „mehr als 2000 Fälle im Landkreis pro Jahr“ wird gesprochen. Die online verfügbare Statistik

https://ppreutlingen.polizei-bw.de/wp-content/uploads/sites/10/2018/04/2017-PKS-Auf-einen-Blick-PP-Gesamt.pdf

würde verdeutlichen, wie sich die Zahlen in welchem Deliktsbereich entwickeln. Gezeigt wird sie nicht.
Ebenso unterbleibt, auf die Basis der Zahlen hinzuweisen, zu erläutern, wie die Statistiken zustande kommen. Die Diskussionen um diese, die Interpretationsspielräume, die üblichen Positionen, die zumindest den anwesenden Akademikern vertraut sein dürften, werden nicht zum Thema.

So bleiben viele Fragen offen: Von wie vielen Fällen bei welcher konkreten Straftat ist die Rede? Welche Form von Beschaffungskriminalität ist gemeint? Reden wir gerade über mehr als 2000 Verstöße gegen das BtmG? Besitz? Handel? Beschaffungskriminalität? Welche Hinweise kann der Redner geben, die die Statistik nicht erfasst oder durch die ihr eigene Kategorienbildung ausblendet (z.B.: von welchen Drogen sprechen wir? welche Gruppen von Tatverdächtigen fallen besonders auf?).

Ausgeführt werden hingegen Fälle von 14-Jährigen, die „2 Gramm am Tag brauchen, das kostet 20€. Das sind 140€ in der Woche oder 560€ im Monat“. Die Ausführungen laufen auf die Aussage zu, THC sei die „Einstiegsdroge“. Dies sei die Konsequenz aus der Suche der 14-Jährigen nach einem „größeren Kick“.

Der verwendete Suchtbegriff („2 Gramm … brauchen“ – psychisch, physisch, beides, bei THC? oder doch bei einer anderen Droge? welcher?) bleibt ebenso im Dunkeln, wie auch Angaben zu denjenigen, um die es sich handelt, Zahlen, deren Milieu, sonstige soziale oder psychologische Einordnungen etc.. Welche Maßnahmen von welcher Stelle empirisch geeignet wären, das Verhalten von Jugendlichen zu ändern, bleibt außen vor.

Klar gestellt wird das Repressionsanliegen: „jeder Fall ist eine Straftat und wird verfolgt“. Die Steigerung kommt direkt danach aus dem Haus selbst unter Verweis auf §90 SchulG und „sofortigen Schulausschluss“. Die Gerichte und deren Umgang mit den konkreten Einzelfällen werden nur kurz gestreift. Dass auch Maßnahmen nach §90 SchulG verhältnismäßig sein müssen geht unter.

So mischt sich alles zu einem Brei, der zu offensichtlich die Wirkung haben soll: Erschrecket Euch!

Mein Eindruck ist, dass die Öffentlichkeitsarbeit der Exekutive sich so eher selbst ein Bein stellt, als dass sie Mitstreiter gewönne: Eine undifferenzierte und bezüglich der eigenen Rolle unkritische Darstellung erzeugt bei Selbstdenkern quasi automatisch das „Aber“, das in einer Großrunde nicht bearbeitet werden kann und sich so gegen den Redner wendet.

Oder ich hab das Anliegen falsch verstanden und es geht auch vor diesem Plenum (Akademiker, Pädagogen) nur um die Erhöhung der Anzeigebereitschaft, um mehr Repressionsarbeit durch die Lehrkräfte?

Vermutlich. Denn da reicht das Dargestellte.

Auf der Basis der vorhandenen Zahlen und Erfahrungen einen Blick auf die konkrete Situation auf dem Höhnisch zu wagen, könnte vermutlich mehr leisten, bräuchte jedoch weniger Vortrag und mehr Arbeitsgruppe: Gezielte Hinweise auf Gefährdungspotentiale, beachtenswerte sozial-psychologische Faktoren, ein kritischer Blick auf die vorhandenen Ansätze der Präventionsarbeit in der Schule, die Rolle von Elternhaus, Schule, Hilfestellen und die Rolle der Polizei in diesem Feld und die Möglichkeiten, diese in schulische Präventionsarbeit einzubinden etc.. Im besten Falle: Ansätze für eine Kooperation, die über Repression hinausgeht.

Update 21.12.2018

Da scheint sich doch noch was in die richtige Richtung – Prävention statt Repression – zu bewegen. Mal sehen, wie das weiter läuft. Einzelne Tage zum Thema werden vermutlich wenig ändern. Da ist die peer group doch dominanter.